18. Juli 2012

Wo bleibt der Dialog?

Politik und Sport: Immer wenn diese beiden Komponenten zusammen kommen, wird es brenzlig. So auch gestern wieder, als unser Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich mit den Vertretern der Profiklubs in Deutschland über die Sicherheit in den Stadien diskutierte. Horrorvisionen zur Lösung des Gewaltproblems standen im Raum, beispielsweise wurde im Vorfeld über die Abschaffung von Stehplätzen diskutiert oder über lebenslanges Stadionverbot. Auch stand zur Debatte, dass in Zukunft die Vereine für das Polizeiaufgebot in den Stadien aufkommen sollen - was für viele finanziell nicht machbar gewesen wäre. Doch, wie so oft, wenn Politiker am Werke sind, waren die Drohungen im Vorfeld nur heiße Luft. Jegliche Sorge blieb unbegründet, keines der angedachten Verbote wurde - glücklicherweise - in die Realität umgesetzt. Stattdessen verabschiedeten Rauball und Co  einen Maßnahmenkatalog, welcher unter anderem  Stadionverbote bis zu zehn Jahre, eine deutliche Abneigung gegenüber Pyrotechnik und drastischere Geldstrafen vorsieht.
Wichtiger wäre es aber wohl gewesen, endlich auch Fanvertreter hinzuzuziehen, um einen konstruktiven Dialog anzuberaumen. Im Frühjahr zeigten doch Fankongresse, dass es auch anders geht, dass Szenen wie in Frankfurt, Dresden, Düsseldorf oder Karlsruhe nicht der Bundesliga-Alltag sind. Es stellt sich, nach dem gestrigen Treffen die Frage: Hat dieser Sicherheitsgipfel überhaupt etwas zur Lösung der Probleme in den Stadien beigetragen? Wahrscheinlich nicht. Denn am Ende sind es die Anhänger der Vereine, die auf der einen Seite das Problem sind, auf der anderen Seite aber auch durch gezügelte Emotionen und euphorische Vernunft über die Lösung des Problems entscheiden. Um zu einer Lösung zu kommen, ist ein Dialog zwischen Fans und Funktionäre unumgänglich. Man hätte die Fanvertreter jetzt schon ins Gespräch mit einbeziehen müssen.

[Bild: Tobias Ilg]

Das neue Sternchen am Himmel

Beim gestrigen Testkick gegen eine Auswahl aus Trentino machte Kevin Friesenbichler mit einem lupenreiner Hattrick auf sich aufmerksam. Doch bereits in den zwei vorangegangenen Tests zeigte der 18-Jährige sein Talent mit eindrucksvollen Leistungen. Der österreichische Angreifer wechselte 2010 für 500 000 Euro von Admira Wacker Mödling in die Jugendabteilung des FC Bayern. Obwohl noch für die A-Jugend spielberechtigt, wird Friesenbichler für die von Mehmet Scholl trainierte zweite Mannschaft der Münchner auflaufen. Derzeit darf sich der Juniorennationalspieler bei den Profis beweisen, was ihm sichtlich Freude bereitet, wie er gegenüber der Münchner Abendzeitung verlauten ließ: "Das ist sensationell. Ich kann mir von den Profis so viel abschauen. Mario Mandzukic hat ein sensationelles Kopfballspiel, Claudio Pizarro ist unglaublich clever. Das sind beide Weltklasse-Stürmer, von denen ich viel lernen kann." Vor allem Ösi-Kollege David Alaba hilft bei der Integration: "Alaba hilft mir sehr. Wir Österreicher müssen zusammen halten."
Die Gazzetta dello Sport, welche dem gestrigen Testkick einen Artikel widmete, erwähnte, neben dem "entfesselten" Robben, auch jenen Kevin Friesenbichler aus dem beschaulichen Örtchen Weiz in der Oststeiermark: Er sei "das neue Sternchen aus der hervorragenden Jugendabteilung des FC Bayern." Dieser Kommentar der italienischen Fachzeitschrift unterstreicht die neu angekündigte Linie der Münchner, vor der eigenen Haustür nach Talenten zu suchen und diese selber auszubilden, statt fernab in Südamerika Unmengen an Euro für mies gescoutete Weltstars in spe hinzublättern.

Vier Tore in drei Testpartien sind eine tolle Leistung, der Weg zu den Profis aber ist lang. Doch wer weiß: Vielleicht schafft es der junge Friesenbichler ja bald, seinem Spezi Alaba nachzueifern und einen festen Platz im Kader der ersten Mannschaft zu ergattern. Wenn er sich weiterhin so viel von Pizarro und Mandzukic abkupfert, ist das in absehbarer Zeit gar nicht mal so unwahrscheinlich.

16. Juli 2012

Vorturner Jupp

Seit nun mehr zwei Wochen befinden sich die Bayern in der Vorbereitung für die neue Saison. Momentan weilen die Truppe in Trentino, einem illustren Örtchen am Gardasee. Nach intensiven Trainingseinheiten und bereits zwei Testkicks gegen unterklassige Teams, hat es nun heute den ersten Akteur mit einer Verletzung erwischt. Nein, es handelt sich nicht um Arjen Robben, liebe Bayern-Anhänger, sondern um Jupp Heynckes! Der 67-jährige Übungsleiter der Münchner sprintete heute, während der ersten Einheit im italienischen Trainingslager, einige Male selbst mit. Wie zu besten Zeiten im Sturm von Borussia Mönchengladbach und der deutschen Nationalelf in den 70er Jahren, erlief sich "Osram" einige Bälle, zeigte seinen Kickern, wie ein sauberer Pass mit der Innenseite gespielt wird und wie man einen Ball aus kürzester Distanz mit dem Oberschenkel stoppt - all das für den hohen Preis eines Muskelfaserrisses. Für Heynckes heißt es nun zwei Wochen pausieren, ehe er wieder als Vorturner agieren darf. Schön, wenn dieses Engagement auch auf die Mannschaft abfärbt - bestenfalls aber ohne Verletzungen.

[Bild: Screenshot Alpenglühen Film/bild.de]

15. Juli 2012

FC Bayern Deutschland vs. Borussia Deutschland

Nach dieser Transferperiode könnte der BVB, so die BILD am Sonntag, eine komplette deutsche Nationalelf auf den Platz bringen. Das Boulevard-Blatt errechnete den Anteil der Deutschen im Kader auf sensationelle 73,3 %. Dagegen habe der FC Bayern München gerade einmal 57,7 % Spieler im Kader, die den deutschen Pass besitzen. Und das, obwohl der bayrische Verein einstmals selbst das Ziel ausgab, den Großteil der Nationalmannschaft zu stellen und als "FC Bayern Deutschland" zu fungieren. Statt nur deutsche Neuzugänge, wie Bittencourt, Reus, Schieber und Kirch (Neuzugang Nummer 5, Mustafa Amini aus Australien, wird für die Untermauerung dieser zur Schlagzeile tauglichen These dezent unterschlagen) zu präsentieren, verpflichteten die Münchner, bis auf Weiser und Starke, nur Ausländer. Was die BILD in ihren profunden  Recherchen glatt vergessen hat, ist, dass auch der so unterlegene FC Bayern problemlos eine durchaus schlagkräftige deutsche Truppe aufbieten könnte.

Zum Vergleich: Die Redakteure der BILD-Redaktion würden diese schwarz-gelben Akteure auf den Rasen schicken: Weidenfeller - Kirch, Owomoyela, Hummels, Schmelzer - Kehl, Gündogan - Reus, Götze, Großkreutz - Schieber.
Das Münchner Pendant sähe so aus: Neuer - Lahm, Boateng, Badstuber, Contento - Can, Schweinsteiger - Weiser, Kroos, Müller - Gomez. 

Zur Vollständigkeit noch etwas zum Schluss, was die BILD nicht berücksichtigt hat: Den Münchnern fehlen, zur sogenannten ersten Elf, drei ausländische Stützen, nämlich Ribéry, Robben und Alaba. Die Dortmunder benötigen da schon vier Akteure (Blaszczykowski, Lewandowski, Piszczek, Subotic). Sprich: Bei den Bayern stehen 73,7 % deutsche Spieler in der Startformation, bei den Borussen "nur" 63,6 %. Ohje, liebe BILD, These von Borussia Deutschland ade.

14. Juli 2012

Der geheimnisvolle Flipchart

Vergangene Woche gab Bayerns Vorstandsvorsitzender Einblick in seine Arbeitsweisen. Auf einer Flipchart, neudeutsch für Tafelschreibblock oder Umblätterdiagramm (Für all diejenigen, die ihren Computer gelegentlich auch Klapprechner und ihr Handy ein Tragtelephon nennen), notierte er das gesamte Team des Rekordmeisters, um dann mit Karl Hopfner zu dem Entschluss zu kommen, dass kein Neueinkauf mehr von Nöten sei. Der Kader sei, so Rummenigge, "deutlich besser aufgestellt als im vergangenen Jahr." Sollten aber Matthias Sammer und Jupp Heynckes anderer Meinung sein, würden sie das "Okay" von Hopfner und ihm bekommen.
Ob Matthias Sammer sich noch einmal auf den Transfermarkt begibt, um einen neuen Spieler zu verpflichten, ist ungewiss. Seit Wochen sind die Münchner an Javi Martínez von Atlétic Bilbao dran. Erst wurde Vollzug gemeldet, kurz darauf wieder dementiert. Mittlerweile soll sich der 23-Jährige Defensiv-Allrounder definitiv für einen Verbleib im Baskenland ausgesprochen haben. Über Alternativen wird zuhauf diskutiert. Angeblich besitzt Sammer eine nun nicht mehr geheime Liste, auf welcher sich, neben Martinez, die Namen Marchisio, Melo und M'Vila finden lassen. Auch Lars Bender wurde von einigen Medienvertretern als Partner für Bastian Schweinsteiger in die Runde geworfen. Gegenüber Sport1 wollte sich Sammer zu diesem potenziellen Neuzugang nicht äußern, fügte aber vielsagend hinzu, dass es momentan "ein paar interessante junge deutsche Spieler" gäbe, die "auf Dauer für uns interessant sein könnten." Namen nannte der Sport-Vorstand nicht. Doch sind bereits zwei mehr als vielversprechende Talente in seinen eigenen Reihen. So spielte sich in den vergangenen zwei Testpartien besonders Mitchell Weiser in den Fokus. Mit tollen Flankenläufen und einem unbekümmerten Auftreten, deutete er sein Können eindrucksvoll an. Auch Emre Can bestach nicht nur mit einer für einen 18-Jährigen ungeheuren Physis, sondern gefiel auch im Spielaufbau mit Übersicht und in der Defensive mit einigen guten Tacklings.
Sollten Heynckes und Sammer wirklich noch einmal auf Shoppingtour gehen, müssten ein bis zwei Spieler ihre Kaderplätze räumen. Aussichtsreichster Kandidat für einen Abgang ist wohl Anatolij Timoschtschuk. Mit seinen beherzten Auftritten bei der Europameisterschaft spielte er sich in den Fokus des Hamburger SV. Dieser sucht nach dem Abgang von David Jarolim händeringend nach einem neuen Defensivmann mit Erfahrung. Für fünf Millionen würden die Bayern ihn wohl ziehen lassen. Einziger Haken sind die sechs Millionen Euro Jahresgehalt, die der HSV wohl nur mit externer Hilfe, in Form eines Investors, stemmen könnte.
Der Sommer in Deutschland scheint bereits zu Ende. Der Transfersommer dagegen kommt jetzt erst richtig in Fahrt. Und wer weiß: Vielleicht hatte Kalle Rummenigge noch einen ganz anderen Namen auf seiner Flipchart stehen, mit dem keiner rechnet - nicht einmal Sport-Vorstand Matthias Sammer. 

13. Juli 2012

"Zehn Spieler von Dynamo und ein Linksverteidiger von Werder Bremen!"

Viktor Skripnik (43), ehemaliger Bundesligaspieler von Werder Bremen und Nationalspieler der Ukraine, wird in dieser kleinen Reihe Einblicke in sein Privatleben geben. Mal sprachen wir über seine Anfänge im Fußball, dann wiederum über die Fertigkeiten eines Fußballtrainers. Heute plaudert Skripnik im letzten Teil der Interview-Reihe über die wichtigsten Personen, die ihn während seiner Laufbahn begleiteten. Der "Beckham der Ukraine" äußert sich ebenso zu den Fertigkeiten eines guten Trainers, zur medialen Berichterstattung und zu seinen größten Momenten.


Welches waren die wichtigsten Personen, die Sie während Ihrer Laufbahn begleiteten?


Ich glaube, für uns Sportler ist die Familie am wichtigsten. Personen, die nach einer schwierigen Zeit Zuhause auf dich warten und dir die nötige Kraft zum Kämpfen geben. Das ist eine entscheidende Sache für einen Profifußballer. Wenn man nur Stress hat und niemand Zuhause auf Dich wartet, hast du keine langfristige Chance auf höchstem Niveau zu spielen. Für mich lief es optimal: Ich hatte das Glück, dass meine Familie sofort mitreisen konnte. Werder hat sich sehr toll um uns gekümmert und uns eine schöne Wohnung besorgt. Dafür bin ich sehr dankbar. Heute lachen wir gemeinsam über die damaligen anfänglichen Probleme. Man muss aber auch jeden Tag bewusst lernen, sonst kommt man nicht voran. Ich war damals in der Ukraine ein Star, der Wechsel nach Bremen ließ mich zu einem ganz normalen Spieler bei einer Mannschaft auf gutem Niveau werden.

Gab es auch Trainer die für Ihre Laufbahn prägend waren?

Ja natürlich. Besonders der Trainer, der mich damals verpflichtete (Hans-Jürgen Dörner, Anm. des Autors) 5 Mio. Mark gekostet. Heute ist die Summe nicht mehr sehr hoch für einen Transfer, aber für damalige Verhältnisse war dies sehr viel Geld, insbesondere für meinen damaligen Verein. Damit kann man seine Jungs schon einige Monate durchbringen (lacht)! Diesen Druck nimmt man natürlich mit. Natürlich hat man bei dem Trainer, der dich geholt hat, einen kleinen Bonus. Aber trotzdem musst du jedes Mal zeigen, dass du es verdient hast, von Beginn an zu spielen. Klar ist man kein Roboter, aber du musst versuchen auf dem höchstmöglichen Niveau zu agieren, das macht die Besten aus. Aber ich hatte nicht nur gute Zeiten. Dazu kamen auch Verletzungen. Das war zwar schwer, aber trotzdem wichtig für mich.

Sie sind seit 2008 erfolgreicher Jugendtrainer bei Werder Bremen. Was macht einen guten Trainer aus und welche Eigenschaften muss er haben?

Die Kommunikation mit den Jungs ist wichtig. Mit zu viel Distanz kommt man als Trainer nicht weiter. Man muss einfach kapieren, dass die Jungs im Jugendbereich nicht für Geld spielen. Sie lieben Fußball, sie tragen das Spiel noch im Herz. Sie träumen von einem Vertrag im Profifußball. Und wenn ein Trainer, der dafür da ist, diesen Wunsch zu erfüllen, dies nicht schafft, so ist das auch sein Fehler. Auch wenn jeder weiß, dass es verdammt schwer ist, von zwanzig Leuten, alle zwanzig nach oben zu bringen. Bereits wenn es bei Zweien gelingt, ist dies schon ein Erfolg. Wichtig ist es, einfach ehrlich zu seinen Spielern zu sein. Man muss Kompetenz in jedem Bereich vorweisen können, etwa in taktischen Dingen, aber auch außerhalb des Platzes. Du musst nicht nur Zucker geben, sondern auch mal konsequent sein. Ähnlich ist es in der Familie: Kommt der Papa nach Hause, weiß man auch, ob er gute oder schlechte Laune hat. Genauso ist es hier. Allerdings mit 20 Kindern – und jedes Jahr bekomme ich neue. Besonders in meiner Funktion ist es schwer: Ich arbeite mit Spielern, die gerade in der Pubertät sind. Man weiß also nie was passiert…

Orientieren Sie sich als Coach an anderen Trainern unter denen Sie selbst spielten, wie etwa Thomas Schaaf oder ihr Coach zu Nationalmannschafts-Zeiten Valerij Lobanowski?

Wir haben bei Werder unsere Regeln. Alle Trainer, allen voran Thomas Schaaf, arbeiten an einer einheitlichen Philosophie. Wir fragen uns immer: Was passt zu Werder? Wie sollen sich unsere Jungs entwickeln? Das ist auch ein Grund, warum das Stadion immer voll ist. Werder ist eine attraktive Mannschaft, spielt immer mit Kombinationsfußball nach vorne. Deshalb wollen wir das bereits im Jugendbereich in unserem Leistungszentrum trainieren. Diese Philosophie vertreten nicht nur Thomas Schaaf, sondern alle Werder-Trainer, wie Mirko Votava oder Thomas Wolter, die allesamt ihren Job bestens erledigen.

Welcher Trainer beeinflusste Sie am meisten?


Ich erinnere mich etwa an Valerij Lobanowski oder Felix Magath. Aber ich glaube, es wäre nicht richtig, nur bei anderen Trainern abzuschauen. Fußball entwickelt sich weiter. Heute sind andere Dinge bedeutsamer, wie zu unseren Zeiten. Wichtig ist, dass du fachkompetent bist, dass du weißt wo es lang geht. Man muss selbstkritisch sein und die Entwicklungen stetig analysieren. Mit Hilfe der neuen Medien, wie dem Internet, kann man jede Taktik und jedes Spiel aufbereiten. Anders als damals, als du immer live schauen und dich an die Szenen erinnern musstest. Heute kannst du schneiden, wiederholen und so weiter.


Nach einem guten Start in Deutschland fielen Sie in der Saison 1999/2000 in ein Loch. Die Medien spekulierten über anstehende Wechsel, kritisierten Sie und bezeichneten Sie als „Ladenhüter“.
Wie nahmen Sie den Druck damals wahr?


Bei jeder Sportart ist es so, dass du bei einer guten Leistung der König bist. Bei einer schlechten aber bekommst du Antipathie ab. Jeder Zuschauer, jeder Fan und die Medien sind  ungeduldig. Sie wissen nicht, wie du trainierst, ob du angeschlagen oder verletzt bist. Oder du hast einfach mal eine Phase, in der es für dich aus mehreren Gründen einfach nicht läuft. Klar, wenn man regelmäßig schwach spielt oder verletzt ist, dann wird man halt verkauft, aber jeder hat mal eine schwächere Zeit. Wenn man aber aus diesem Keller wieder heraus kommt, ist man nur noch stärker. Wichtig war in meiner Karriere, dass der Trainer gerade in solchen Situationen Vertrauen in mich hatte.

Kommen wir zum Schluss noch einmal zurück zu Ihrer Spielerkarriere. Was waren die wichtigsten Momente Ihrer Laufbahn?


Natürlich kann man die ersten Spiele nicht vergessen, beispielsweise im Profibereich im Alter von 19 Jahren bei einem Turnier in der SSR, wo Mannschaften wie Spartak Moskau oder Dynamo Tiflis spielten. Das war sehr faszinierend. Oder die Rückkehr von Waleriy Lobanowski zur Nationalmannschaft. Sehr stolz war ich beispielsweise mal, als ich der einzige Spieler in der Startelf der ukrainischen Auswahl war, der nicht bei Dynamo Kiew spielte. Zehn Spieler von Dynamo und ein Linksverteidiger von Werder Bremen! Aber auch denke ich oft an das DFB-Pokalfinale zurück oder an die Meisterschaft 2004 mit Werder. Als aktiver Spieler kümmerst du dich allerdings kaum um die Erfolge. Jetzt erst, wo die Zeit vergeht, man mal ein Blick ins Archiv wirft, kommen die schönen Erinnerungen wieder hoch.


[Bild: Tobias Ilg, Mitarbeit: Philipp Schaefer]

Auch erschienen bei 11Freunde und beim Osteuropakanal. 


12. Juli 2012

Ein Lebenszeichen vom "Lutscher"

Wer einmal einen wirklich ausgebufften Freistoßtrick sehen möchte, dem sei die Variante ans Herz gelegt, die Torsten Frings und sein Toronto FC in einem Major League Soccer-Match Ende Juni ausprobierten. Nach einem schwindelerregenden Anlaufroulette zimmerte der "Lutscher" den Ball mit gefühlten 140 Km/h unter die Latte. Der gegnerische Keeper glänzte hier nicht gerade mit einem sauberen Stellungsspiel. Vielleicht war er aber auch, aufgrund dieses konfusen Vorspiels, einfach zu verwirrt.
Torsten Frings, der in der Saison 2004/2005 die Stiefel für die Bayern schnürte, wechselte 2011 nach Kanada. Seither hört man kaum mehr etwas vom einstigen Partner Michael Ballacks im deutschen defensiven Mittelfeld. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und  Verletzungspech avancierte er beim TFC zum Publikumsliebling. Mittlerweile ist Frings, der 79 Länderspiele zu verzeichnen hat, sogar Spielführer. Im Mai verbuchte er mit dem Gewinn der kanadischen Meisterschaft seinen ersten Titelgewinn seit dem DFB-Pokal-Sieg 2009 mit Werder Bremen. Das Niveau kann in der MLS jedoch nicht sonderlich hoch sein: Hielt sich der 34-Jährige doch kürzlich erst in Bremen auf, um sich bei den A-Junioren fit zu halten...

11. Juli 2012

Reif statt live

Zu große Hoffnungen auf ein Ticket für ein Heimspiel des FC Bayern habe ich mir nicht gemacht. Wobei: Eine klitzekleine Hoffnung hatte ich bis heute, 46 Tage vor Saisonstart, dann doch, das Team, um Schweinsteiger, Gomez & Co mal wieder live in Aktion zu sehen. Auch freute ich mich insgeheim, einmal den Afro Dantes  in Wirklichkeit bestaunen, den "Kraftwürfel" Shaqiri über die Außenbahn flitzen und die kaltschnäuzige Art des Toreschießens meines Lieblingsakteurs Pizarro begutachten zu dürfen. Doch daraus wird vermutlich auch diese Saison wieder nichts. Wie die Bayern heute mitteilten, sind alle 17 Begegnungen in der Arena am Kurt-Landauer-Weg restlos ausverkauft. Ja sogar zehntausendfach überbucht! Somit kommen über 1,1 Millionen andere Bayern-Fans in den Genuss, nur ich muss mich mal wieder mit Marcel Reif oder Fritz von  Thurn und Taxis auf der Mattscheibe zufrieden geben.
Eine Restchance bleibt jedoch: Vielleicht lässt sich eine Karte bei einem Pokal- oder Champions League-Spiel, welches unter der Woche stattfindet, ergattern. Leider meist aber auch nur dann, wenn der Gegner FC Ingolstadt oder BATE Borisov heißt. Oder ich spezialisiere mich ausschließlich auf Auswärtsfahrten. Freiburg, Nürnberg, Stuttgart und Bremen sind nämlich auch schöne Städte.

Der erste Saisonsieg!

Erfolgreich ist der FC Bayern in die neue Saison gestartet: Im kleinen Bayern-Derby gegen die Spielvereinigung Unterhaching gelang der Truppe von Jupp Heynckes ein 1:0-Sieg. Das Tor des Tages erzielte David Alaba mit einem sehenswerten Freistoß. Im Dress der Münchner debütierten Ersatzkeeper Tom Starke, Dante in der Innenverteidigung, Mitchell Weiser auf der rechten Außenbahn und Xherdan Shaqiri auf der Zehnerposition. Im Sturm bot Heynckes Jungspund Kevin Friesenbichler auf. Den vielen EM-Urlaubern war es geschuldet, dass die komplette Ersatzbank aus Spielern des Juniorenteams bestand. Unter anderem nahmen hier die Talente Raeder, Vrzogic und Rankovic platz. Am gestrigen Abend gab auch Sportvorstand Matthias Sammer sein Debüt auf der Trainerbank. Stets gestikulierend und mit einem Block und Stift ausgerüstet, verfolgte er die erste Testpartie seiner Mannen. Besonders gefallen dürften ihm Mitchell Weiser und David Alaba haben: Beide machten gestern einen hervorragenden Eindruck. Weiser sorgte einige Male mit präzisen Flanken für Gefahr, Alaba scheiterte einige Male vor dem Tor. Dennoch bescherte dieser den Münchnern den ersten Sieg der Saison 2012/13 mit einem Freistoßtor aus 25 Metern in der 82. Minute.

In den nächsten Tagen ist noch ein weiterer Test geplant, ehe es ins Traininglager nach Trentino geht: Am 13. Juli treffen die Münchner auf den FC Ismaning.

9. Juli 2012

3000 Kilometer in drei Tagen (3)

Die Europameisterschaft 2012 ist nun Geschichte. Auch ich war vor Ort und erlebte grandiose und skurrile Dinge. In dieser dreiteiligen Serie berichte ich Euch von einem Roadtrip nach Lemberg: 3000 Kilometer innerhalb von drei Tagen, die ich so schnell nicht mehr vergessen werde.

Tag 3: Ein Wohnwagen, Stau und Erinnerungen en masse


Nach nur vier Stunden Schlaf mussten wir wieder die Heimreise antreten. Nachdem Sascha seine 90 Euro für eine Nacht im Feldbett bekam machten wir uns auf. Jedoch konnte uns kein Polizist und kein Fußgänger den Weg auf die Autobahn Richtung Heimat weisen. Die Beschilderung taugte ebenso wenig. Kurz vor der ersten Verzweiflung tat sich aus dem nichts ein Wohnwagen mit deutscher Beflaggung vor uns auf. Wir folgten ihm gutgläubig. Vermutlich war der Fahrer in Wahrheit ein Holländer und wollte sich an uns deutschen Touristen für die 2:1-Niederlage rächen, denn wir fuhren dank des Kastenmobils eine geschlagene Stunde im Kreis. Erst nachdem sich das Navigationssystem wieder gefangen hatte, gelang uns der Sprung auf die Autobahn. Dummerweise erwies sich der Grenzübertritt weniger entspannt als auf der Einreise. Eine ganze dreiviertel Stunde stand unser Vehikel in der Sonne, ehe wir polnischen Boden unter den Füßen hatten.
Getreu dem Motto „Der Weg ist das Ziel" hielten wir an allen erdenklichen Rasthöfen. Doch auch ein Badesee diente zur Spontanerfrischung. Bei 35 Grad im Schatten beinahe ein Geschenk des Himmels. Mit nasser Unterhose fuhren wir stundenlang die Autobahn A4/E40 Richtung Westen. Leider wurde diese Straße dem Beinamen „Autobahn" nicht gerecht: Neben den kilometerlangen Staus, störten immer wieder Tempolimits und unnötige Ampeln den Verkehrsfluss. Beschleunigen auf 100 oder gar 120? Unmöglich. Nach neun Stunden Fahrt waren wir an der deutsch-polnischen Grenze angekommen. Eine nette Gastwirtin beglückte uns hier noch mit Krautsalat, feinster Krakauer und dem Spiel Spanien gegen Irland. Glücklicherweise waren die Straßen der Lausitz weder buckelpistenartig noch befahren: Mit reichlich Tempo sprinteten wir durch die Nacht, ehe wir endlich, nach mehr als 15 Stunden in Berlin ankamen. Uns kam es vor, als wären wir Wochen unterwegs gewesen, soviel erlebte unsere Reisetruppe auf dem dreitägigen Trip nach Polen und in die Ukraine. Zum Glück waren es dann doch nur drei Tage, denn mehrere Wochen mit Udo Lindenberg in Dauerschleife hätte ich vermutlich nicht überlebt!

[Bilder: Tobias Ilg]


Auch erschienen bei SPOX.com


Mit der Eleganz einer Götterstatue

Nach einigen Jahren ohne großen Auftritt auf der internationaler Bühne brillierte Andrea Pirlo bei der Europameisterschaft und erlebte eine Art Wiederauferstehung. Mit tollen Pässen und einem klugen Spielaufbau hatte der Mittelfeldstratege mit den größten Anteil am erfolgreichen Abschneiden der Italiener  beim europäischen Großereignis. Diese Leistung weckt Begehrlichkeiten: So sind angeblich die Bayern am 33-Jährigen interessiert. Pirlo könnte neben Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld die Fäden ziehen. Der neue Macher Mathias Sammer soll bereits Kontakt zu den Verantwortlichen von Juventus Turin aufgenommen haben und ein 10 Millionen Euro Angebot vorbereiten. Der "Architekt", wie er von seinen Mitspielern gerufen wird, erlebte seine Glanzzeit beim AC Milan. Hier gewann er zweimal die Champions League und mehrere nationale Titel. 2006 folgte mit der Nationalmannschaft der große Coup mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft. Auch diesem Turnier drückte Pirlo seinen Stempel auf. Dem Bayern-Mittelfeld könnte der Vize-Europameister neue Impulse und unberechenbareren Spielwitz verleihen. Auch würden die Standards enorm an Qualität zunehmen.
Ob es tatsächlich zu einem Transfer kommt? Eher unwahrscheinlich. Seit Wochen buhlen die Münchner um Javi Martinez von Athlétic Bilbao. Pirlo könnte ein Druckmittel sein, um die geforderte Ablösesumme von 40 Millionen Euro zu drücken. Trotzalledem: Ein Pirlo, mit seiner grazilen Haltung einer Götterstatue aus der Antike und seinem feinen Füsschen, würde sich im Münchner Mittelfeld in jeder Hinsicht sehen lassen!

8. Juli 2012

Münchener Nummernsalat

Früher galt die Rückennummer als Erkennungsmerkmal für die jeweilige Position. Der Libero lief mit der "5" auf, der Spielmacher bekam die "10" und der Mittelstürmer trug die "9" auf seinem Jersey. Seit der Einführung von festen Rückennummern zur Saison 1995/96 obliegt die Nummernwahl jedoch meist dem Spieler selbst. Dieser wählt nach eigenem Geschmack, Aberglaube oder zusammengewürfelten Quersummen, was zu extrem hohen Nummern führen kann, wie etwa bei Anatolij Timoschtschuk, der seit seinem Dienstantritt 2009 die "44" auf dem Rücken trägt. Marketingzwecke spielen mittlerweile (leider) auch eine Rolle. So ist es beispielsweise der starken Nachfrage nach Schweinsteiger-Trikots geschuldet, dass dieser bei seiner ersten Nummer im Profiteam, der "31" blieb und sich nicht später für einen Wechsel zu einer niedrigeren Ziffer entschied. Ähnlich ist es aktuell bei David Alaba, welchem positionsgetreu die Zahl "3" besser zu Gesicht stehen würde, als die traditionslose "27". Zur neuen Saison bleibt bei den Nummern der vorhandenen Profis alles beim Alten. Somit müssen wir nach wie vor mit einer Viererabwehrkette, bestehend aus den Leibchenzahlen 27 - 28 - 17 - 21, vorlieb nehmen. 
Die Neuzugänge griffen diesen Sommer übrigens zu niedrigeren Ziffern. Dante etwa entschied sich für die "4", die auch schon von Oliver Kreutzer oder Sammy Kuffour getragen wurde. Stürmer Mario Mandzukic schnappte sich die "9", Xherdan Shaqiri die "11". Treu blieben sich die Verantwortlichen bei der Verteilung von Nummern an Spielern aus der eigenen Jugend. Wie in den letzten Jahren sind diese im höheren Bereich zu finden. Emre Can beispielsweise wird mit der "36" auflaufen. 
Wer sich in Zukunft den verwaisten Nummern "2", "3", "6" und "8" annehmen wird, wird wohl auch in dieser Saison nicht entschieden. Vielleicht ist diese Diskussion nur etwas für optische Feinschmecker und Trikotästheten. Denn wirklich wichtig ist immer noch, wer im Trikot steckt und nicht was für eine Nummer hinten drauf steht!

5. Juli 2012

3000 Kilometer in drei Tagen (2)

Die Europameisterschaft 2012 ist nun Geschichte. Auch ich war vor Ort und erlebte grandiose und skurrile Dinge. In dieser dreiteiligen Serie berichte ich Euch von einem Roadtrip nach Lemberg: 3000 Kilometer innerhalb von drei Tagen, die ich so schnell nicht mehr vergessen werde.

Tag 2: Timoschenko & Timoschtschuk, ein deutscher Sieg und ein Bengalo-Bastler


Wir verließen dieses so gastfreundliche Land nach einer Nacht im Hostel gegen Vormittag. Eingeplant waren drei Stunden reine Fahrt sowie zwei Stunden Warten an der polnisch-ukrainischen Grenze. Aus den angedachten drei Stunden wurden ganze sieben. Glücklicherweise aber veranschlagte der Grenzübertritt nicht viel mehr Zeit als 15 Minuten. Direkt nachdem wir das Grenzareal betraten, leitete man uns auf eine eigens angelegte Spur für EM-Touristen. Als Erkennungsmerkmal diente wohl neben dem Berliner Nummernschild auch die deutsche Beflaggung auf dem Dach unseres Vehikels. Die im Vorfeld eilig für den Aufenthalt in der Ukraine abgeschlossene Reisekrankenversicherung hielt ich zwar dem Grenzbeamten demonstrativ unter die Nase, wurde aber eiskalt ignoriert. Endlich erreichten wir Lemberg oder wie der Ukrainer sagt: Lwiw. Die siebtgrößte Stadt der Ukraine mit ca. 730 000 Einwohnern gefiel im typischen post-sowjetischen Baustil. In der Innenstadt, wo unser Hostel gelegen war, konnten wir uns nur im Schneckentempo vorwärts bewegen. Polizisten führten durch den dichten Verkehr, winkten uns durch die zahlreichen Absperrungen und die unglaublichen Anzahl an Einbahnstraßen. Am Wegesrand grüßten Plakate von Julia Timoschenko und Anatoly Timoschtschuk. Das Hostel lag in unmittelbarer Nähe zum Teamhotel der Deutschen, wo sich bereits einige Stunden vor Abfahrt eine große wartende Menschenmasse angesammelt hatte. Inmitten dieser Traube von singenden Fans entdeckte ich ZDF-Sportstudio-Moderator Michael Steinbrecher. Auch wir warteten vor dem „Nobilis", um einen Blick auf Schweinsteiger, Lahm & Co zu erhaschen. Doch leider ließen Jogis Jungs zu lange auf sich warten. So oder so wäre es, aufgrund zahlreicher Polizisten und Absperrungen, beinahe unmöglich gewesen, einen der Spieler zu erblicken.

Zwei Stunden vor Spielbeginn meldete sich der Hunger. Ein Restaurant mit Plätzen im Freien versorgte uns u.a. mit der landestypischen, aber gewöhnungsbedürftigen Gemüsesuppe „Borschtsch", welche aus Roter Bete zubereitet wird. Immer wenn uns eine Horde Dänen entdeckte, hissten sie ihre rot-weiße Fahne und sangen in beinahe akzentfreiem Deutsch: „Schade, Deutschland, alles ist vorbei!" Dass bald für sie die Heimfahrt anstand, konnten sie ja noch nicht wissen. Das Essen ließ auf sich warten. Die Zeit verrann so schnell, dass die Uhr plötzlich nur noch eine Stunde bis zum Anpfiff anzeigte. Die „Arena Lwiw" liegt ca. 20 Minuten außerhalb der Stadt. Eigentlich sollten Bus-Shuttles die Fans von der Innenstadt zur Spielstätte bringen. Doch waren die offiziellen Routen zu verstopft, um pünktlich zum Anpfiff auf seinem Platz zu sein. Nach einigen Fehlversuchen fanden wir endlich ein Taxi, dass uns für 20 Euro ins Stadion brachte. In bester Sebastian Vettel-Manier bretterte der Fahrer mit 90 Sachen durch die Innenstadt. Er überholte rechts, bog Reifen quietschend in Kurven und fuhr wohl jeden erdenklichen Schleichweg den er kannte. Heilfroh noch am Leben zu sein, erwartete uns noch ein Fußmarsch von gut 15 Minuten. Die Uhr sagte Punkt 21.30 Uhr Ortszeit. Schnell wurden dänische, deutsche aber auch viele ukrainische Anhänger überholt. Bier- und Souvenirverkäufer passiert und eindeutig rechts-radikale Zuseher, mit einschlägigen Haarschnitten, Kleidungen und Tätowierungen, links liegen gelassen. Wir rannten, ich verlor meine Perücke in Deutschlandfarben, wir passierten den Eingangsbereich und die Sicherheitskontrolle, sprinteten die Treppen hoch, organisierten fix ein kühles Bier und standen pünktlich zu Beginn der deutschen Nationalhymne auf unseren Plätzen. Was für ein Timing! Glücklicherweise besorgten Jubilar Lukas Podolski und Newcomer Lars Bender den deutschen Anhängern einen erfreulichen Ausgang der Partie. Die anhaltenden Anfeuerungsrufe in unserem Block wurden nur einmal durch das zwischenzeitliche 1:1 der Dänen unterbrochen. Nach Schlusspfiff brachten 15 Busse die Anhänger der deutschen und dänischen Farben zurück ins Lemberger Stadtzentrum. In der Innenstadt feierten deutsche, dänische und ukrainische Fans. Immer wieder hielten die Ukrainer an, zupften am Trikot, an der Hawaii-Kette in Deutschland-Farben oder dem Schal mit dem Bundesadler drauf und formulierten in gebrochenem Englisch „Can i have this?". Diesem Charme konnte man nur schwer wiederstehen. Nach drei liebevollen Anfragen hatten wir all unsere Fanartikel verschenkt. So mussten sich die Einwohner mit Fotos begnügen, die sie immer wieder von uns Deutschen schießen wollten. Vor einer Kneipe ereignete sich eine wunderbare Aktion: Es versammelten sich deutsche, dänische und ukrainische Fußballfans zu einem spontanen Flashmob. Unserem genialen Taktgeber ist es zu verdanken, dass wir mindestens 15 Minuten lang ein „Humba-Humba" zelebrierten. Nicht nur die deutsche Elf wurde gefeiert: Auch die Polen und die Ukrainer bekamen ein inbrünstiges „Polskaaa!" und „Ukraiinaaa!" zu hören, was so manchem Lemberger Passanten die Tränen in die Augen trieb. Nie zuvor habe die Frau jenseits der Fünfzig, die gerade an der besagten Kneipe vorlief, eine solch ausgelassene Stimmung in ihrer Heimatstadt erlebt.

Zu später Stunde kehrten wir in unser Hostel zurück. Sascha, der selbsternannte „Hostelmaster", begrüßte uns samt einem weiteren deutschen EM-Touristen an der Tür mit einer Alkoholfahne. Torkelnd geleitete er uns in die Küche. Wir sollen doch noch einen der „besten Wodka der Welt" mit ihm trinken. Je tiefer Sascha ins Glas blickte, desto offener wurde er. „Ich besitze gar keine Lizenz für das Hostel", warf er plötzlich in die Runde. Nur dank „einigen Hundertern" dürfe er die Wohnung vermieten. Doch nicht nur das: Der sympathische junge Mann outet sich als bekennender Rauchbombenbastler. Eine Vielzahl der Rauchschwaden im Lemberger Stadion gingen auf seine Kappe, erzählte Sascha mit reichlich Stolz in der Stimme. Ich frug ihn, ob er mir nicht ein Exemplar zeigen könne. „Kein Problem", so seine Antwort und schwupp war er in einer Ecke des Raumes verschwunden. Hier lagert Sascha seine „Schätze" in einem feuerfesten Safe. Sicher ist sicher. Er präsentierte mir die kaum 20 Zentimeter großen Stangen und fügte hinzu: „Ich kann alle Farben herstellen. Nur für Blau fehlen mir momentan die Zutaten." Sein Rekord waren übrigens 30(!) gezündete Bengalos während eines Spiels von Karpaty Lwiw. Ein Großteil der Bomben fand den Weg auf den Rasen. Die besagte Partie wurde übrigens nach kurzer Zeit abgebrochen. Auch gab Sascha mir noch einen wertvollen Tipp in Sachen Hereinschmuggeln: „Ich verstecke die Teile immer zwischen meinen Beinen. Fragt mich ein Sicherheitsmann, warum es dort so hart sei, sage ich ihm, sein Abtasten habe mir so gut gefallen – und schon bin ich drin!"

[Bilder: Tobias Ilg]

Auch erschienen bei SPOX.com

4. Juli 2012

3000 Kilometer in drei Tagen (1)

Die Europameisterschaft 2012 ist nun Geschichte. Auch ich war vor Ort und erlebte grandiose und skurrile Dinge. In dieser dreiteiligen Serie berichte ich Euch von einem Roadtrip nach Lemberg: 3000 Kilometer innerhalb von drei Tagen, die ich so schnell nicht mehr vergessen werde.


Tag 1: Udo in Dauerschleife und eine polnische Tragödie

Die Reise in den Osten Europas beginnt in der Hauptstadt Deutschlands. Berlin. Von hier aus startete unser Abenteuer mit dem Ziel Lemberg. Auf die Straße ging es am Samstag. Es war der Tag, an dem die Polen gegen die Tschechen spielten. Diese entscheidende Begegnung wollten wir keinesfalls verpassen. Zu überwältigend und ausgelassen versprachen wir vier uns die Stimmung in Krakau. Somit hieß es für uns: Früh aufstehen, am besten bereits vor Sonnenaufgang. Gesagt, getan. Das Navi zeigte bis „Krakow" 600 Kilometer an. Schnell verließen wir Berlin, durchquerten die beschauliche Lausitz und passierten die deutsch-polnische Grenze. Fortan grüßten die Grashalme zwischen den nicht akkurat verlegten Betonplatten der Autobahn. Diese entpuppte sich schnell als Buckelpiste mit einem beiläufigen Rattern als Nebengeräusch. Somit konnten wir nicht einmal den einzigen CD’s lauschen die wir im Gepäck hatten: einem mehr als bescheidenen Hörbuch sowie dem aktuellsten Live-Album von Udo Lindenberg. Wie schade! Nach einigen Mautstellen, Straßenimbissen mit feinem Gulaschgeruch und einigen Tracks von der Udo-Platte kamen wir in Krakau an. Uns offenbarte sich eine wunderbare Stadt voller Geschichte, eindrucksvollen Sehenswürdigkeiten und vielen aufgeregten Menschen. Die Euphorie schien greifbar. Jeder war in den Farben rot und weiß gekleidet oder hatte sich die Wangen in diesen Farben bemalt. Erinnerungen an das rot-weiße München Mitte Mai kamen auf. Beinahe jeder Balkon war mit einer polnischen Fahne gesäumt. So gut wie jedes Restaurant führte EM-Specials auf der Speisekarte. Wir hatten gerade noch sechs Stunden bis zum Anpfiff des entscheidenden Spiels der Gruppe A. Dennoch versuchten wir im Eiltempo ein wenig Sightseeing zu betreiben. Erschöpft von Fahrt und Denkmal-Marathon diente eine Promenade an der Wisla als Ort kurzer Entspannung. Vom Fußball blieb man aber auch hier nicht verschont: Von allen Seiten vernahm man Polska-Rufe, Menschen in Bierflaschen-Kostümen marschierten auf und ab und priesen ihren günstigen Gerstensaft an. Direkt sollte es nach einer kleinen Stärkung (feinste Pierogi) zum größten Public Viewing der Stadt gehen. Dummerweise war dies jedoch komplett überlaufen. Somit musste eine Alternative her.
Nach einer dreiviertel Stunde wirrem Suchen dann endlich die Erlösung: Ein Zelt mit Platz für ca. 120 Menschen sowie einer gut acht Quadratmeter großen Leinwand. Nach einer kurzen Wartezeit durften wir rein und wurden mitten an einen Tisch von jungen polnischen Fans gesetzt. Zunächst wurden wir kritisch beäugt, doch kaum hatten wir erwähnt, dass wir heute für Polen jubeln, waren wir voll integriert. Die Nationalhymne lief, die polnischen Freunde reckten sich gen Himmel, schmetterten ihre rechte Hand auf die Brust und sangen die „Mazurek Dàbrowskiego" inbrünstig mit. Gänsehautstimmung. Das Spiel lief erst einige Minuten und schon hatte sich die Luft mit dem Geruch von Angstschweiß vermengt. Tropfen plätscherten allmählich von der Decke. Beinahe permanent hallten Schlachtrufe durch das Zelt. Nach einigen vielversprechenden Angriffen der Polen dann der Führungstreffer durch Petr Jiracek für die Tschechen. Stille. Von nun an verstummten die Anhänger in rot-weiß. Stattdessen wurden Fingernägel gekaut und Daumen gedrückt. In der verbliebenden Zeit gelang es dem Team von Franczisek Smuda nicht mehr den Ausgleich zu erzielen. Das Spiel war vorbei. Tränen liefen und Enttäuschung machte sich breit. Allerdings nur für kurze Zeit: Ein Fan rappelte sich auf und stimmte trotzig Polska, Polska-Rufe an. Die Trauer war nur von kurzer Dauer, die Tragödie nur eine kurze. Von nun an überwogen der Stolz und der Optimismus, in Zukunft im Weltfußball eine bedeutendere Rolle zu spielen.

[Bilder: Tobias Ilg]

Auch erschienen bei SPOX.com