29. Juni 2012

Aus Gold wird Silber

2012. Es hätte ein perfektes Fußballjahr werden können. Die Bayern standen zum Jahreswechsel auf Platz eins der Bundesliga. Der Titel schien nach dem "besten Trainingslager aller Zeiten" nur noch Formsache. Die Mannen von Jupp Heynckes standen im DFB-Pokalfinale und sogar im "Finale dahoam". München schien das Epizentrum des europäischen Spitzenfußballs zu werden. Die DFB-Elf qualifizierte sich ohne Niederlage für die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Ohne Personalsorgen und in teilweise berauschender Form arbeiteten sich "Jogis Jungs" bis ins Halbfinale. Einer Neuauflage des Endspiels von 2008 gegen die Spanier stand eigentlich nichts mehr im Wege.
Doch alles kam anders.
Die Bayern verspielten die Tabellenführung, ließen sich gegen Dortmund düpieren und wurden nur Vizemeister. Auch Mitte Mai gab es eine Lehrstunde vom BVB: Im Pokalfinale schenkten Lewandowski und Konsorten den Münchnern fünf Tore ein. Am Ende stand eine 5:2-Niederlage. Das nächste große Finale am 19. Mai in der heimischen Arena gegen den FC Chelsea: Bis zur 83. Minute sahen die Roten wie der sichere Sieger aus. Doch dann kam Didier Drogba und zerstörte den Traum des Champions League-Titels. Dreimal Vize. Spieler wie Neuer, Schweinsteiger, Badstuber, Lahm und Müller schienen wegen dieser Niederlagen verstört. Besonders Schweinsteiger litt unter seinem verschossenen Elfmeter. Sind diese Jungs überhaupt in der Lage eine gute EM zu spielen? Sie waren es - zumindest bis zum Halbfinale. Nach einer hervorragenden Vorrunde in der sogenannten Todesgruppe und einem starken Spiel im Viertelfinale gegen Griechenland nun das bittere Aus gegen clevere Italiener, welche am kommenden Sonntag im Finale in Kiew auf Spanien treffen. Aus der Traum von wenigstens einem Titel.
Die letzte Durchschlagskraft, der ultimative Wille scheint nicht vorhanden zu sein.  Die "Goldene Generation" um Podolski, Lahm und Schweinsteiger läuft Gefahr zu einer silbernen zu werden. Bleibt zu hoffen, dass sich, unterstützt von den ganzen jungen Nachkömmlingen, eine gute Mischung für das Jahr 2013 und vor allem 2014 finden lässt, damit die Krönung vielleicht doch noch erfolgen kann - wenn auch verspätet.

"Wir kickten vom Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang"

Viktor Skripnik (43), ehemaliger Bundesligaspieler von Werder Bremen und Nationalspieler der Ukraine, wird in dieser kleinen Reihe Einblicke in sein Privatleben geben. Mal sprachen wir über seine Anfänge im Fußball, dann wiederum über die Fertigkeiten eines Fußballtrainers. Heute plaudert Skripnik über seine Anfänge mit dem runden Leder. Der "Beckham der Ukraine" äußert sich zudem zur Popularität des Fußballs in seiner Region, sprach mit uns über seine Vorbilder zu Jugendzeiten und schildert anfängliche Probleme in der Bundesrepublik.

Herr Skripnik, Anfang der Siebziger war der Eishockeysport in der Sowjetunion sehr populär. Die Nationalmannschaft feierte Erfolge am laufenden Band. Wie kam es, dass sie dem Eis fernblieben und lieber auf den Bolzplatz gingen?

Bei uns war in jeder Straße ein Platz, wo du im Sommer Fußball und im Winter natürlich Eishockey spielen konntest. Ich habe mich für Fußball entschieden, da ich keine Chance hatte in unserem kleinen Ort, wo kein Platz für Eishockey war, diesen Sport auszuüben. Hier spielten ungefähr 14 Spieler in meinem Alter. Wir kickten vom Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang. Das war unsere beste Zeit. Wenn ich Zuhause vorbeischaue, unterhalten wir uns auch heute noch über Fußball und über die Jahre, die wir damals zusammen verbrachten.

War ein Mitglied Ihrer Familie fußballbegeistert?

Mein Vater war ein riesiger Fußball-Fan. Dazu kam, dass meine Heimatstadt Dnipropetrowsk 1983 sowjetischer Meister wurde. Bei diesem Gewinn war ich mit meinem Vater im Stadion. Dies war eine unvergessliche Sache. Ich war fortan einfach begeistert von Fußball. Am liebsten wollte ich den Spielern so nah sein, wie die Balljungen, die den Ball immer wieder zurück schmissen. Ich war immer neidisch auf die kleinen Jungs am Spielfeldrand und fragte mich, was sie mit den Bällen tun, die sie nicht zurückwarfen. Ein Ball wurde kurz darauf das beste Geschenk was ich bis dato bekam. Er war lange auch das einzige Spielzeug bei mir Zuhause. Wie oft haben mein fünf Jahre jüngerer Bruder und ich damals Fenster und Lampen kaputt gemacht. Wir haben früher zusammen so viel Spaß gehabt, haben in der Straßenbahn gespielt oder sonst wo. Wir haben uns immer bewegt und uns keine Gedanken über die Zukunft gemacht. Wir genossen einfach den Fußball.

Wie populär war der Fußball insgesamt in Ihrer Region?

In Russland war das Eishockey von größerer Bedeutung, die Ukraine dagegen war nicht so aktiv in diesem Sport. Ich wurde in der SSR (Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, Anm. d. Autors) geboren. Russland hatte mit Sibirien, wo meist Minusgrade vorhanden waren, mehr Möglichkeiten für Eishockey. Unsere Region war zentral in der Ukraine gelegen, wo der Winter zwar herrschte, aber nicht die Möglichkeiten, um Eishockey zu spielen. Deswegen war Fußball bei uns die Nummer Eins.

Gab es in Ihrer Jugendzeit Vorbilder als Sie angefangen haben, Fußball zu spielen?

Ja klar, Vorbilder gab es immer, zum Beispiel Oleg Blochin von Dynamo Kiew. Der Fußball in Westeuropa war auch sehr beeindruckend. Leider hatten wir kaum Chancen, die Spiele im Fernsehen zu verfolgen. Wenn doch, dann nur wenige Minuten, in der man zwei, drei Tore aus den europäischen Ligen, etwa aus der Bundesliga oder aus Italien, sehen konnte. Stattdessen bekamen wir immer die besten Mannschaften der Ukraine, wie Dynamo Kiew oder Dnipro Dnipropetrowsk vor Augen geführt.

Sie waren einer der ersten ukrainischen Fußballspieler in Deutschland. Warum fiel Ihre Wahl auf die Bundesrepublik? Und warum gerade auf Bremen?

Die Frage ist leicht zu beantworten. Damals, 1983, war ich mit meiner ehemaligen Mannschaft zwischen Hamburg und Bremen im Trainingslager. Ich sah einen riesigen Bus in den Farben Grün und Weiß. Es war der Bus von Werder Bremen. Ich als kleiner Mann aus Osteuropa, verliebte mich sofort in diese Farben und in diesen Namen. Hinzu kam, dass in der Saison 1987/88 Spartak Moskau gegen Bremen im UEFA-Pokal spielte. Spartak gewann 4:1 Zuhause, im Weserstadion verloren sie aber gegen Bremen 6:2. Mein Vater und ich schauten dieses Spiel an und ich war einfach nur begeistert, wie diese Mannschaft funktionierte. Ich wollte einfach echten Fußball sehen. Das war mein Traum, doch leider war die Grenze immer noch zu. Man konnte nicht einfach für sich selber entscheiden. Erst mit der Grenzöffnung und mit der Erlangung der Souveränität der Ukraine 1991, kamen internationale Trainer in meine Stadt. Einer dieser Männer war Bernd Stange, der ehemalige Trainer der DDR. Er empfahl mich an den damaligen Werder-Trainer Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner, dem „Ost-Beckenbauer“, nicht wahr?

Manch einer bezeichnete ihn so. Vielleicht wegen seiner 100 Länderspiele und seiner zahlreichen Erfolge in der DDR.

Richtig. Ich ging nach Bremen zum Probetraining, musste aber erst wieder nach Hause, bis die Vereine die Ablöse ausgehandelt hatten. Ich hoffte immer dass der Transfer klappt. Nach einem halben Monat konnte ich dann wechseln.

Warum gefiel Ihnen gerade der deutsche Fußball so?

Ich wollte unbedingt nach Deutschland. Hier wird der Fußball gespielt, der meiner Philosophie entspricht. Mich faszinierten die Ordnung und die hohe Anzahl der Tore in der Bundesliga. Außerdem bin ich nicht so schnell, wie es etwa der Fußball in Spanien verlangte. Trotz den ersten schweren Jahren habe ich es geschafft und würde sagen, dass es gut für mich und für meine Familie war.

Sie sagten die ersten Jahre waren schwer. Mit welchen Problemen wurden Sie konfrontiert?

Ich war damals 26 Jahre alt, konnte nur einige Worte Deutsch. Doch im Fußball musst du nicht richtig quatschen können, du musst gut spielen. Sportlich lief es dann recht schnell, auch die Sprache verbesserte sich langsam. Die erfahrenen Spieler wie Dieter Eilts, Marco Bode, Oliver Reck oder Andi Herzog standen mir mit unterstützenden Worten und Ratschlägen zur Seite. Aber trotzdem war dies eine andere Welt, fast ein anderer Planet im Gegensatz zur Ukraine. Erst in Deutschland wurden mir die Unterschiede stark bewusst: Wie lebt ein Profifußballer in der Ukraine, wie lebt er in Deutschland?

Worin liegt genau der Unterschied?

In der Ukraine übernachtest du eine Nacht pro Woche Zuhause. Hier dagegen bist du vielleicht eine Nacht mal nicht Zuhause, also immer mit deinen Kindern zusammen. In Deutschland bekam ich erst richtig das Gefühl, Vater zu sein. Statt nur unterwegs in Trainingslagern, war ich nun bei meiner Familie. Selbstredend war aber auch das Fußballspiel eine Umstellung, darüber muss man sich nicht unterhalten. Auch von der Mentalität: Wenn es 0:2 steht, ist ein Spiel in der Ukraine oft gelaufen. In Deutschland geht es oft aber erst richtig los und am Ende gewinnt die andere Mannschaft vielleicht sogar noch 3:2. Der Fußball hier ist viel überraschender.

[Mitarbeit: Philipp Schaefer]

Auch erschienen bei 11Freunde und beim Osteuropakanal.

28. Juni 2012

Der Schmerz im Arsch eines Trainers

Vor dem heutigen Kracher gegen die Italiener im Halbfinale der Europameisterschaft ist besonders Mario Balotelli ins Blickfeld der Berichterstattung gerückt. Allerdings eher wegen seiner immer wieder vorkommenden Kuriositäten als seiner sportlichen Leistungen. José Mourinho, welcher Balotelli in seiner Zeit als Trainer bei Inter Mailand betreute, äußerte einst den treffenden Satz: "Balotelli hat unglaublich viel Talent, er könnte einer der besten Fußballer der Welt werden. Doch leider macht er manchmal den Eindruck, als verfüge er nur über eine einzige Gehirnzelle.“ Diesen Eindruck bestätigte der 21-Jährige in letzter Zeit  immer wieder. Mit seinem Bruder hatte Balotelli nichts besseres zu tun, als in ein Frauengefängnis einzubrechen. Als Balotelli noch die Schuhe für Inter Mailand schnürte, trat er einmal in einer italienischen Fernsehsendung mit dem Jersey des Stadtrivalen AC Mailand auf. Ein Streit mit den Anhängern der "Nerazzurri" entbrannte, bald darauf wurde er transferiert. Kurze Zeit später brannte er Feuerwerkskörper in seiner Küche in Manchester ab und sorgte damit für einen mittelschweren Hausbrand. Widerrum etwas später ignorierte das enfant terrible mit seinem Sportwagen jegliche Ampeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen der Innenstadt Manchesters. Fazit: Ein Strafzettel in Höhe von  60 000 Euro. Als wäre das noch nicht genug, fiel "Super Mario" mit einem Anfall von Größenwahnsinn auf. Während einer Polizeikontrolle auf die 5000 Pfund in bar auf seinem Beifahrersitz angesprochen, antwortete er dem Polizisten nur: "Ich bin eben reich."
Genie und Wahnsinn liegen häufig nicht weit auseinander. Balotelli wird trotz seiner Eskapaden als eines der größten Talente im Weltfußball gehandelt. Auch ein Grund, warum Manchester City im Jahr 2010 sensationelle 30 Millionen Euro für die Dienste des Sohn ghanaischer Eltern auf das Konto von Inter Mailand überwies. Neben dem wieder erstarkten Andrea Pirlo wird die deutsche Mannschaft besonders Mario Balotelli im Auge behalten müssen. Das selbsternannte Genie könnte heute Abend den Unterschied ausmachen - sofern er den Rat seines derzeitigen Club-Trainers Roberto Mancini befolgt, "einfach nur Fußball zu spielen" und nicht der "Schmerz im Arsch deines Trainers" zu sein. Besser für Deutschland wäre es, wenn er sich mal wieder den Anweisungen seines Trainers widersetzt!

27. Juni 2012

Wird Mario Marios neuer Konkurrent?

Jeder Fachmann war sich sicher: Mario Mandzukic wechselt für eine knapp zweistellige Millionensumme zu Juventus Turin. Er selbst sagte vergangene Woche lediglich zu den Spekulationen, dass er bereits eine Entscheidung getroffen hätte, für welchen Verein er künftig die Stiefel schnürt. Seine Wahl fiel, wie gestern der Kicker publik machte, wohl auf den FC Bayern! Laut dem Fachblatt haben in den letzten Wochen intensive Verhandlungen zwischen dem VfL Wolfsburg und den Münchnern stattgefunden. Auch Mandzukic' derzeitiger Trainer Felix Magath äußerte sich gegenüber Sport1 vielversprechend zu einem möglichen Transfer: "Ich habe zuletzt viele Anrufe erhalten. Und ich habe zuletzt auch Anrufe erhalten, wo ich die Stimme sofort erkannt habe." Magath, der zwischen 2004 und Januar 2007 selbst auf der Trainerbank der Münchner saß, hält einen Wechsel seines Noch-Mittelstürmers für durchaus realistisch: "Wer bei der EURO so aufgetrumpft hat, der kann sich auch in der Europa League und in der Champions League behaupten - und auch beim FC Bayern München." In drei Vorrundenspielen bei der angesprochenen Europameisterschaft erzielte Mario Mandzukic drei sehenswerte Tore. Er soll in München bis zu 3,5 Millionen Euro verdienen und einen Dreijahres-Vertrag mit Option für eine weitere Spielzeit erhalten. Als Ablöse für den kroatischen Nationalspieler, dem ein zerrüttetes Verhältnis mit Magath nachgesagt wird, stehen 15 Millionen Euro im Raum.
Eine Verpflichtung des 26-Jährigen würde zugleich der langanhaltenden Diskussion um einen Transfer des ManCity-Stürmers Edin Dzeko ein Ende setzen. Dzeko, der in Manchester noch ein Arbeitspapier bis 2015 besitzt, bekäme erst bei einer Ablösezahlung von 40 Millionen Euro die Freigabe. Eine Summe, die der FC Bayern zurecht nicht zu zahlen bereit ist. Stattdessen gehen die Münchner wohl, sofern Nils Petersen nach Bremen ausgeliehen wird, mit einer Dreier-Angriffs-Konstellation - bestehend aus Mario Gomez, Claudio Pizarro und Mario Mandzukic - in die neue Saison.

Nicht jeder Trainer im europäischen Spitzenfußball kann sich über eine solch gut bestückte Angriffsreihe freuen!

26. Juni 2012

Stammtischinfos für jedermann [Reklame]

Pünktlich vor dem Start der Halbfinalspiele der Europameisterschaft gibt es für alle Wissbegierige und Freunde des nützlichen (oder unnützen) Wissens eine Grafik mit interessanten Informationen zum laufenden Turnier. Wer trägt den beliebtesten Schuh? Bei welcher Spielminute verpasst man beim Bierholen sicher kein Tor? Und wieviel Prozent des Ticketkontingent geht an Sponsoren? Antworten auf all diese Fragen findet ihr in dieser liebevoll gestalteten Grafik.


zur Verfügung gestellt von: Zalando.de/sports

Der neue Spielplan ist raus!

Heute veröffentlichte die Deutsche Fußball Liga (DFL) den Spielplan für die kommende Bundesliga-Saison. Die 50. Spielzeit beginnt am 24. August mit dem Spiel des Deutschen Meisters Borussia Dortmund gegen Werder Bremen. Beide Teams bestritten bereits vor 49 Jahren die erste Begegnung der neugegründeten Liga. Der Dortmunder Timo Konietzka schoss an diesem Tage nach 58 Sekunden das erste Tor der Bundesliga-Historie. Die Bayern greifen am Samstag das erste Mal ins Spielgeschehen ein und empfangen Liganeuling Greuther Fürth. Anfang Dezember kommt es zum großen Showdown, wenn sich Borussia Dortmund und der FC Bayern gegenüber stehen. Vielleicht schaffen die Münchner spätestens dann den ersten Sieg nach vier sieglosen Liga-Spielen in Folge über die Mannschaft von Jürgen Klopp.

Den kompletten Spielplan der neuen Runde könnt ihr hier herunterladen.

25. Juni 2012

"Penalty-Trauma" und Revanchegelüste

Der Elfmeterfluch der Engländer und kein Ende: Es hagelte beim gestrigen Ausscheiden gegen die Italiener innerhalb von 22 Jahren die sechste Schlappe im siebsten Duell vom Punkt. Das "Penalty-Trauma" (Zitat Hodgson) hält weiterhin an und das, obwohl im Vorfeld reichlich Sonderübungseinheiten auf dem Programm standen. Doch lassen lediglich zwei verwandelte Strafstöße auf eine zu große nervliche Anspannung schließen. Die Italiener hingegen machten es gestern vom Kreidepunkt besser. Statt den verschießenden Ashleys hat Cesare Prandelli allerdings auch gefestigtere Schützen in seinen Reihen. Beispielsweise Andrea Pirlo, der im Stile eines Panenka den Ball in die Maschen lupfte oder der sonst leicht zur Raserei bringende Mario Balottelli, der souverän einnetzte. Am kommenden Donnerstag kommt es also im Viertelfinale zum Duell gegen die Deutschen. Für diese Begegnung bedarf es für Jogis Jungs sicherlich keinerlei Motivation mehr. Zu groß ist der Wille, Revanche für die unsägliche Pleite im Halbfinale der Weltmeisterschaft 2006 zu nehmen, als uns Grosso und del Piero den Traum vom Sommermärchen nahmen. 
Mit den Engländern kann man, sofern etwas mitfühlend, wegen ihres Elfer-Leidens beinahe Mitleid haben. Ebenso für die Italiener: Allerdings nicht, da sie eine marode Liga, voller Wettskandale besitzen, sondern vielmehr, weil für sie im Halbfinale das Turnier beendet sein wird!


24. Juni 2012

Von Hupen und Klingeln

Ich freue mich wirklich sehr über Siege meiner Mannschaft. Besonders, wenn sie so eindeutig und schön waren, wie das 4:2 im Viertelfinale der Europameisterschaft gegen Griechenland. Das deutsche Team spielte phasenweise tollen Fußball. Die Tore von Lahm, Khedira, Klose und Reus waren wirklich sehenswert. Die Spieler feiern sich in der Kurve und lassen sich beklatschen. Fernab des Platzes in Deutschland, geht dann die Party in Deutschland erst richtig los: Ein schier unendlicher Autokorso durchpflügt die Straßenschluchten. In manchen Öko-Studentenstädten treibt es gar die Fahrradfahrer auf den Asphalt, welche ein Klingelkonzert anstimmen. Es wird gehupt und gebimmelt bis zum geht nicht mehr. Und das schon seit dem ersten Sieg in der Vorrunde gegen Portugal. Ich bin in einer Fußballgeneration groß geworden, in der erst nach der Gruppenphase, sprich von K.O.-Sieg zu K.O.-Sieg, gehupt wurde. Es war schlicht selbstverständlich, dass die Nationalelf die Vorrunde übersteht. Doch hat sich - nach den Traumata von 2000 und 2004, spätestens aber seit der Heim-WM 2006 - der Trend des Dauerfeierns etabliert. Daher arrangiere ich mich auch mit den Trötgeräuschen vor meinem Fenster. Doch irgendwann müsste doch auch mal das beste Horn seinen Geist aufgeben!
Vielleicht ändere ich meine Meinung ja spätestens dann, wenn am 1. Juli, ab ca. 22.30 Uhr, wieder vor meinem Fenster gelärmt wird. Erstens bin ich dann mitten drin statt nur dabei. Zweitens hieße dies: Wir sind Europameister. Eine Tatsache, für die ich das Grölen, Hupen und Klingeln sehr, sehr gerne in Kauf nehme!

23. Juni 2012

2. Liga statt Dorfverein

Erste Runde im DFB-Pokal: Oftmals heißt dies, dass man gegen den FSV Eintracht 1910 Königs Wusterhausen, dem FC Herrischried oder der Itzehoer SV antreten muss. Heute wurde die erste Runde des Pokals ausgelost. Losfee war Viola Odebrecht, Kickerin in Diensten von Turbine Potsdam. Die Bayern treffen im kleinen Bayern-Derby auf Jahn Regensburg. Die Aufsteiger in die 2. Bundesliga sollen zwischen dem 17. und 20. August der erste Prüfstein sein, um sich für das Pokalfinale am 1. Juni 2013 im Berliner Olympiastadion zu qualifizieren.

22. Juni 2012

χτίζω

Glaubt man den Worten von Angelos Charisteas, kann das heutige Viertelfinalspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die griechische Auswahl nur ein maroder, eintöniger und einseitiger Kick werden. "Euro-Harry", wie der Europameister von 2004 liebevoll genannt wird, glaubt, dass die Griechen "von der ersten bis zur 90. Minute verteidigen" werden. Als Vorbild nennt er die Betonmischer vom FC Chelsea, die sich mit einer solchen Taktik zum Champions League-Titel gemauert haben. Bei diesen, so der 32-Jährige, hätte man gesehen, dass man mit einer reinen Defensiv-Taktik erfolgreich sein kann. "Die Mannschaft", also seine Griechen, könnten "kämpfen, kratzen, beißen", was sie auch "gegen Deutschland machen" werden. Hoffen wir, das Jogi Löw einige Presslufthammer präsentiert, um die griechischen Mauern durchdringen zu können. Vielleicht wäre heute der Zeitpunkt gekommen, eine Änderung der Startelf vorzunehmen, um dieses Unterfangen erfolgreich zu bestreiten und ins Halbfinale der Europameisterschaft einzuziehen. Statt Podolski könnte Reus in der Startelf stehen und die Griechen mit Tempodribblings schwindelig spielen. Auch wäre Mario Götze eine Alternative für die rechte Offensivposition: Der Dortmunder ist aber nach seiner Verletztung noch nicht wieder in alter Form. Im Sturm könnte Miroslav Klose für mehr Flexibilität sorgen, sich ins Mittelfeld fallen lassen und immer wieder mit Marco Reus die Position tauschen. Wie auch immer: Die Griechen, welche sich seit Tagen intensiv auf ein Elfmeterschießen vorbereiten, müssten zu knacken sein - doch wird es eine enorme Geduldsprobe für die Mannen von Joachim Löw werden.

χτίζω bedeutet übrigens auf griechisch "mauern". Dieses Verb wird wohl in der Kabinenansprache des griechischen Nationalcoaches Santos nie mehr so oft Verwendung finden, wie heute Abend. 

"Ich verzichte auf VIP-Karten"

Viktor Skripnik (43), ehemaliger Bundesligaspieler von Werder Bremen und Nationalspieler der Ukraine, wird in dieser kleinen Reihe Einblicke in sein Privatleben geben. Mal sprechen wir über seine Anfänge im Fußball, dann wiederum über die Fertigkeiten eines Fußballtrainers. Das Thema heute ist die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Der "Beckham der Ukraine" äußert sich  zu den Chancen der ukrainischen Elf, den politischen Debatten im Vorfeld und den Folgen des Turniers für sein Heimatland.

Kommendes Wochenende startet die Europameisterschaft. Hier wird der Druck auf die Nationalmannschaft sehr hoch sein. Glauben Sie, dass das Team die Erwartungen erfüllen kann? Oder zerbricht es am hohen Erfolgsdruck?

In den eigenen Städten und Stadien vor den heimischen Fans zu spielen kann zu einer hohen Erwartungshaltung führen. Vielleicht ist es ein Bonus für dich, da die Zuschauer hinter dir stehen, vielleicht aber auch ein Druck. Aber ich glaube, wir haben eine richtige Mischung: Alte Leute wie Woronin, Schewtschenko oder Timoschtschuk, die schon öfter mit heißem Herz aber kühlem Kopf gespielt haben, und auch junge, talentierte Leute, von denen ich glaube, dass sie bereits im Blickfeld von einigen Mannschaften aus Westeuropa sind. Hinzu kommt der langjährige Trainerstab, der weiß wo es lang geht und Erfahrung durch die WM 2006 in Deutschland hat.

In letzter Zeit wurden beinahe nur negative Schlagzeilen über die Ukraine in den Medien gelesen. Es begann mit der angeblichen Tierquälerei, der bewussten Tötung von streunenden Hunden. Nun dominierten die Diskussionen um die Haftbedingungen Julia Timoschenkos den Politikteil in jeder Zeitung. Vielleicht werden gar einige Politiker das Turnier boykottieren. Glauben Sie, diese Ereignisse könnten die sportlichen Erfolge schmälern und die Vorfreude auf das Turnier trüben?

Ich bin der Meinung, Politik und Sport darf nicht eng verbunden sein. Ich glaube, es ist die falsche Richtung, wenn Menschen nicht zu einem Sportevent, einer Welt- oder Europameisterschaft fahren, weil ein Land sich so verhält. Doch muss man auch die anderen Meinungen akzeptieren. Einen Boykott muss man nicht zwingend durch einen Nichtbesuch zeigen. Ich beispielsweise boykottiere auch auf meine Art: Ich verzichte auf VIP-Karten, kaufe mir stattdessen die einfachen Tickets und sitze in irgendeinem Eck des Stadions.

Denken Sie, die Europameisterschaft hinterlässt nachhaltige Spuren oder löst vielleicht einen Boom im Lande aus, ähnlich wie in Deutschland 2006?

Ich hoffe, dass dies passiert. Nicht nur die Infrastruktur soll sich verbessern, sondern auch das Ansehen in Europa. Die Besucher sollen die Ukraine als ein Land mit netten Leuten in Erinnerung behalten. Wir sind ein junger Staat, gerade einmal zwanzig Jahre alt. Das wir ein so großes Turnier ausrichten können, ist sehr toll. Denn hierzu gehört nicht nur der Bau von Stadien, sondern auch von Hotels, Straßen usw. Diese Entwicklung ist schon faszinierend. Die EM stellt für uns eine riesige Chance dar uns zu präsentieren. Ich hoffe, ein Boom tritt ein und hält lange an, sodass die Zuschauer weiter in die Stadien strömen oder mehr Kinder zum Fußball gehen.

Theoretisch könnte Deutschland im Halbfinale auf die Ukraine treffen. Für welche Auswahl würden Sie die Daumen drücken?

Schade für Deutschland, ich bin Ukrainer (lacht). Ich bin natürlich für mein Land. Doch müssen wir realistisch sein, auch wenn es immer wieder Überraschungen gab, wie damals Dänemark oder Griechenland. Ich hoffe, dass auch meinem Land so etwas gelingen kann. Das letzte Champions League-Finale hat dies ja beispielsweise auch gezeigt: Jeder dachte, Barcelona spielt im Finale gegen Real Madrid. Am Ende waren es dann doch Bayern und Chelsea. Wichtig ist, dass sich die Mannschaft stets aufs Neue beweist und sich quält. Dann bin ich fest davon überzeugt, dass uns eine Überraschung gelingen kann.

Herr Skripnik, wer wird am 1. Juli im Olympiastadion Kiew den Pokal in den Händen halten?

Das ist eine schwere Frage! Ich versuche diplomatisch zu antworten: Es gibt fünf, sechs Mannschaften im Favoritenkreis. Am Ende werden die Mannschaften im Finale stehen, die stets in Topform auftreten, ohne Verletzungen sowie Sperren auskommen und mental am stärksten sind. Ich bin natürlich für mein Land. Wenn wir aber ausscheiden sollten, drücke ich natürlich Deutschland die Daumen!

[Bild: Tobias Ilg, Mitarbeit: Philipp Schaefer]

Auch erschienen bei 11Freunde und beim Osteuropakanal.

21. Juni 2012

Mit einem Schmunzeln...

...sollte dieser seichte Cartoon, sicherlich gestaltet von einem Nicht-Bayern-Anhänger, gesehen werden. Ohne Titel blieben die Bayern nun das zweite Jahr hintereinander. Was für andere Vereine ein feierlicher Zustand wäre, bedeutet für die Münchner meist einen halben Weltuntergang. Das letzte Mal gingen 1995 und 1996 Titel an einen anderen Verein, damals war der Kontrahent auch Borussia Dortmund. Danach jedoch folgte die Meisterschaft sowie die Grundsteinlegung für eine erfolgreiche Zukunft. Typen wurden verpflichtet, Führungsspielern gelang endgültig der Durchbruch und der richtige Trainer fand - ein Jahr später - dann auch den Weg in die bayrische Landeshauptstadt. Vielleicht wiederholt sich Geschichte: Die richtigen Spieler werden verpflichtet (Shaqiri, Dante, Pizarro, vielleicht gar Martinez?), Führungsspielern gelingt der endgültige Durchbruch auf dem Weltklasse-Niveau bzw. einem Sieg in einem internationalen Finale (Schweinsteiger, Lahm, Gomez) und der richtige Trainer findet, dann, im Jahr 2013, auch nach München: "Pep" Guardiola. Schau'n mer mal!


20. Juni 2012

Das Ende der Kommentatoren-Diktatur

Wer schon immer mal das Bedürfnis hatte, Marcel Reif, Fritz von Thurn und Taxis oder Béla Réthy den Ton abzudrehen, aber dann doch nicht ganz auf einen Kommentator verzichten kann, sollte sich dringend diese Homepage zu Gemüte führen. Aus Frust über Kommentare, wie etwa "Gespielt wird jetzt offener, weil die Kroaten aufmachen" (Réthy) oder "Je länger das Spiel dauert, desto weniger Zeit bleibt" (Reif) fühlten sich eine Hand voll Fußballverrückter gezwungen, eine Plattform zu erstellen, die es jedem möglich macht, frei empfangbare Spiele selbst zu kommentieren oder sich von einem der Laien-Kommentatoren verbal begleiten zu lassen. Egal ob Begleitungen in tiefstem bayrisch, auf Plattdütsch, mit satirischem Unterton oder mit Fakten und Stammtischwissen gespickt: Auf marcel-ist-reif.de werdet ihr sicherlich fündig. Die Kommentatoren-Diktatur ist somit beendet. Es lebe die Fußballkommentatoren-Demokratie!

19. Juni 2012

Vortrag über Homophobie im Fußball

Immer wieder hört man von Homophobie im Fußball. Egal ob auf den Bolzplätzen der Kreisliga oder in den Eliteligen des Landes. Die schwulen- und lesbenfeindlichen Äußerungen führen dazu, dass sich eine Vielzahl homosexueller Spieler nicht outen und somit gezwungen sind, ein Doppelleben zu führen. Manch einer nimmt dies auf sich, manch einer zerbricht daran. Neben der bekannten Kampagne Aktion Libero nehmen sich auch immer mehr Universitäten bzw. deren studentische Vertreter dieser Thematik an. Am morgigen Mittwoch kann jeder Interessierte der renommierten Gender-Forscherin Prof. Dr. Nina Degele bei einem Vortrag über Sexismus und Homophobie im Fußball zuhören. Sie doziert an der Uni Freiburg, Beginn ist um 18 Uhr. Sorgen, dass ihr eine Partie der Euro verpasst, müsst ihr übrigens nicht haben - es ist nämlich spielfrei!


[Bild: Tobias Ilg]